Überraschender Bezug zu Dessau

Wenn man Bürger*innen in Dessau-Roßlau direkt nach den historischen Hintergründen des Lidiceplatzes fragt, erntet man häufig nur ahnungsloses Kopfschütteln. Dies haben der Verein "Projektschmiede Dessau e.V." und das Netzwerk GELEBTE DEMOKRATIE nun zum Anlass genommen, die Gedenkkultur in unserer Stadt zu erweitern.

Zentraler Bestandteil der Phase I des Projektes(GEDENKEN & FILMVORFÜHRUNG IN DESSAU-ROSSLAU) war die Gedenkveranstaltung am 76. Jahrestag des Massakers von Lidice am 09. Juni 2018 auf dem hiesigen Lidiceplatz. Neben gedenk- und erinnerungspolitischen Redebeiträgen mit der notwendigen historischen Fachkompetenz und einem unmittelbaren Bezug zu Dessau-Roßlau stand dabei die symbolische Pflanzung eines Rosenstocks im Mittelpunkt.

Diese Aktion ist von einem Erinnerungselement in der Gedenkstätte Lidice inspiriert. Dortpflanzen Städte und Organisationen aus ganz Europa und natürlich auch aus der Bundesrepublik Deutschland Rosenstöcke als Zeichen des Gedenkens. Die „Pflanzung“ am 09. Juni 2018 wurde symbolisch durch das vorübergehende Aufstellen eines Rostenstocks im Topf, der später einen festen Platz finden soll, vollzogen.

Zu Beginn des Nachmittags erinnerte Ralf Zaizek (Projektschmiede Dessau e.V.) daran, dass auch er sich erst seit kurzem mit dem historischen Hintergrund des Lidiceplatzes beschäftigt. Ihm - wie vielen anderen Teilnehmer*innen auch - waren beispielsweise die Laternen am Platz nie sonderlich aufgefallen. Bei ihnen handelt es sich um eine künstlerische Installation von Svenja Hehner mit dem Titel "Stille Zeugen". Im Jahr 2000 hatte das Büro Otto Koch im K.I.E.Z. e.V. die Berliner Künstlerin eingeladen, für die Laternen auf dem Lidiceplatz eine  Gestaltung zur Erinnerung an das Massaker in Lidice zu konzipieren. Svenja Hehner hinterlegte die Glasscheiben der drei Laternen mit historischen Fotografien von Lidice vor und nach dem Massaker.

Kreisoberpfarrerin Annegret Friedrich-Berenbruch berichtete anschließend über ihre persönlichen Erlebnisse als junge Studentin während eines Besuches in Lidice zu Beginn der 1980-er Jahre, wo die deutsche Studentengruppe zunächst auf Ablehnung stieß. Erst die Unterstützung der Ortsbürgermeisterin hatte ein Treffen mit Überlebenden ermöglicht und Wege der Versöhnung gebahnt.  "Es war ein schwerer Weg, so schwer, wie uns oft der Weg des Friedens und der Versöhnung wird, aber es lohnt sich, denn: wir können die Kette der Grausamkeit, des immer wieder alten Denkens und Gierens nach Vergeltung beenden und neue Wege der Versöhnung und des Friedens und der Verständigung zwischen den Völkern gehen." so Annegret Friedrich-Berenbruchs Hinweis auf die Lehren aus diesen Ereignissen.

Eine Interpretation des Liedes "Und was bekam des Soldaten Weib?" mit dem Text von Bertold Brecht und der Musik von Kurt-Weill durch Klaus Kinski, ließ den bitteren Sarkasmus spüren, den diese beiden Künstler in ihre Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen gelegt haben. Skulpturen von Brecht und Weill befinden sich auf dem Lidiceplatz.

Jana Müller vom AJZ e.V. berichtete zunächst über das friedliche und kulturell vielfältige Leben der Dorfgemeinschaft Lidice bis zum Juni 1942. Die Ereignisse des Massenmordes der Männer sowie die Verschleppung der Frauen und Kinder und deren weiteres Schicksal verdeutlichte sie anhand von Zitaten überlebender Frauen und Kinder. Und sie gab ein historisches Detail bekannt, das einen direkten Bezug zwischen Lidice und Dessau aufzeigt: Nach der Ermordung aller Männer hatte sich ein weiteres Kapitel dieses Verbrechens in Kladno abgespielt. Zwei SS-Funktionäre hatten zwei Tage lang die Mütter mit ihren Kindern zu Familien- und Sozialverhältnissen sowie Krankheiten befragt und pseudowissenschaftliche Vermessungen im Sinne einer sogenannten „Rassenauswahl“ an den Kindern vorgenommen. Sie bestimmten zunächst drei, später im Lager in Litzmannstadt weitere sieben Kinder als geeignet für die sogenannte „Wiedereindeutschung“.

Darunter Marie Hanfova. Sie war unter den 88 Kindern, die von Kladno in das Lager in einer ehemaligen Textilfabrik nach Litzmannstadt, polnisch Lodz, deportiert wurden. Die 1942 zwölfjährige Marie hatte zwei Geschwister: die ein Jahr jüngere Schwester Anna und den kleinen Bruder Vaclav, damals acht Jahre alt. Im Lebensborn-Kinderheim in Puschkau waren die Kinder einem Umerziehungsprozess ausgesetzt. Sie sollten Deutsch lernen und es war ihnen, auch untereinander, strengstens verboten, Tschechisch zu sprechen. Wurden die Kinder dabei erwischt, erfolgte eine strenge Bestrafung. Eine der Aufgaben des Lebensborn war, sogenannte "germanisierbare" Kinder aus den besetzten Ländern an deutsche Paare zu vermitteln.

Marie Hanfova sagte 1947 vor dem Nürnberger Gerichtshof als Zeugin aus: „Ich bin in eine Familie nach Dessau gekommen. Man hat für mich gezahlt. Ich habe gesehen, wie die Frau, die mich abholte, der Aufseherin 50 Reichsmark gegeben hat und diese das bestätigte. Ich habe als Dienstmädchen gearbeitet. Die Frau war gelähmt und so habe ich bei ihr gedient. Ich musste die Schule besuchen, Deutsch lernen und die ganze Hausarbeit machen. Ich wurde auch adoptiert und umgetauft auf den Namen Margot Richter.“

Nach dem Ende des Krieges gelang es, die drei Geschwister zumindest kurz wieder zusammen zu führen. Marie Hanfova, die inzwischen in Dessau den Beruf der Modistin, also einer Hutmacherin, erlernte, berichtete: „Im Oktober 1945 kamen ins Geschäft drei Menschen, die auf dem Mantelaufschlag eine tschechoslowakische Trikolore hatten. Ich habe Anna Drdova und Jarmila Nova aus Lidice erkannt; sie haben angefangen, mit mir Tschechisch zu sprechen, aber ich hatte Tschechisch beinahe vergessen. Wir haben uns aber rasch verständigt. Es hat keine Stunde gedauert und ich kehrte in die Heimat zurück.“

Nur 17 Kinder aus Lidice wurden nach 1945 gefunden. Die anderen Kinder ermordete die SS mit großer Wahrscheinlichkeit im Vernichtungslager Kulmhof. Der Vater von Marie, Vaclav Hanf, war mit den anderen 172 Männern in Lidice erschossen worden, die Mutter überlebte das Konzentrationslager Ravensbrück, wohin die Frauen verschleppt worden waren, nicht.

Die Geschwister Hanf konnten nach dem Krieg nicht zusammen aufwachsen. Jeder von ihnen war bei einem anderen Verwandten an verschieden Orten. Marie Hanf wurde von der Tante väterlicherseits aufgenommen. 1947 war sie eine wichtige Zeugin im Nürnberger Prozess gegen das Rasse- und Siedlungshauptamt. Sie heiratete, zog in das neue Lidice und bekam drei Söhne. Diese waren noch Kinder als ihr Mann starb. Sie zog die Kinder allein auf. Marie Hanfova-Pincakova, das nach Dessau verschleppte Lidicer Kind, starb im Jahr 2000.

Nach dieser traurig stimmenden Geschichte tat es gut, ein positives Zeichen zu setzen. Die Teilnehmer*innen der Gedenkstunde haben durch das Gießen des Rosenstocks die Botschaft nach Lidice geschickt, dass die Ereignisse und die Opfer nie vergessen werden dürfen.

Die Projektschmiede Dessau will das Motto "Erinnern statt vergessen" nicht als leere Floskel stehen lassen. Mit der Vorführung des Spielfilms "Das Massaker von Lidice" am 18. Juni 2018 um 19 Uhr im Kiez-Kino Dessau wird das Ereignis noch einmal filmisch aufgearbeitet.

Eine besondere Nachhaltigkeit entfaltet die Projektidee dadurch, dass im Herbst 2018 eine Phase IIunter dem Arbeitstitel BEGEGUNGEN IN LIDICĔ & DESSAU-ROSSLAU geplant ist. Dabei wird eine Delegation aus der Gedenkstätte Lidice in Dessau-Roßlau erwartet. Erste, bisher unverbindliche Absprachen hat es schon gegeben. Auch dort trifft die Idee auf großes Interesse und erste Vorgespräche wurden von dort bereits mit der Deutschen Botschaft in Prag aufgenommen.

Im Herbst sind dann u. a. ein offizielles Begrüßungsprogramm durch Repräsentant*innen der Stadt (Politik und Verwaltung) für die tschechische Delegation ebenso angedacht, wie eine Vorstellung hiesiger Gedenk- und Erinnerungsinitiativen (u. a. Werkstatt Gedenkkultur; die Erinnerungsarbeit des Alternativen Jugendzentrum e.V. und des Arbeitskreises Geschichte). Im Gegenzug wird im Rahmen der Phase II eine Delegation aus Dessau-Roßlau (Mitglieder des Netzwerks GELEBTE DEMOKRATIE und darüber hinaus) in die Gedenkstätte Lidice reisen, um im dortigen Rosarium auch einen Rosenstock zu pflanzen.  


 

 

SERVICE

Ein Album mit Fotos der Gedenkveranstaltung finden Sie hier ...

 


 

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