Dessau-Roßlau erinnert mit Veranstaltungsreihe an den nationalsozialistischen Völkermord

Auch wenn der Titel der Veranstaltung etwas sperrig klingt: „Dessau-Roßlau erinnert an den nationalsozialistischen Völkermord an Sinti und Roma“ trifft es nun mal ganz genau – und selten konnte direkter, persönlicher und privater das nahezu vergessene Leid einer ganzen Bevölkerungsgruppe dargestellt werden.
Nach mühevoller gemeinsamer Recherche der Dessauerin Jana Müller (AJZ e.V. Dessau) und der Historikerin Prof. Eve Rosenhaft (Universität Liverpool) konnte am 25.01.2018 in der Dessauer Johanniskirche eine beeindruckende Ausstellung eröffnet werden. Hierbei gibt es einen besonderen, vielfach unbekannten Bezug nach Dessau-Roßlau: „Zwischen 1932 und 1939 fertigte der in Roßlau lebende Fotojournalist Hanns Weltzel ca. 200 Fotografen von Sinti und Roma, an. Diese einzigartige Fotosammlung befindet sich heute im Bestand der Universität Liverpool. Ein großer Teil dieser Fotografen wird nun zum ersten Mal in einer Wanderausstellung, die die Verfolgungswege der Portraitierten und ihrer Familien dokumentiert, gezeigt.“ (Veranstaltungsflyer)

Das besondere dieser Bilder ist, dass sie eine unvoreingenommene Nähe und Vertrautheit aufweisen und so das Leben der Sinti und Roma ohne den verbreiteten Filter der Vorurteile und Ausgrenzung zeigen, als selbstbewusste, lebensfrohe Menschen. „Anfang Januar 1938 verfügte die Geheime Staatspolizei ein Aufenthaltsverbot für „Zigeuner“ in Dessau-Roßlau und ganz Anhalt. Die Mehrheit der davon betroffenen mitteldeutschen Sinti und Roma fiel dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer.“ Nach einer kurzen Einführung durch Jana Müller, die auch ihre persönliche Berührtheit nicht verbergen konnte und wollte, richtete Dessaus Oberbürgermeister deutliche Worte an die vielen Gäste in der gut besuchten Marienkirche und erkannte in der Ausstellung klar ein notwendiges „(…) Eingeständnis von Schuld und Schande.“ Und das träfe auch auf Dessau-Roßlau zu, denn die in der Ausstellung gezeigten Menschen seien aus unserer Stadt vertrieben und in großen Teilen in den Tod geschickt worden.
Welche Auswirkungen diese Vertreibung, die Trennung von Familien und insbesondere der Aufenthalt in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten hatte, belegte der bewegende Beitrag von Siegfried Franz, dem Sohn von Johann Franz, der das Konzentrationslager schwer traumatisiert als nur einer von 4 Angehörigen einer über 30-köpfigen Familie überlebte. Siegfried Franz beschrieb eindringlich die Albträume seines Vaters, der „(…) jede Nacht im Schlaf laut gejammert hat (...)“ und so seinen Sohn schon früh das Leid dieser Vergangenheit spüren ließ, ohne darüber zu reden: „Junge, das erzähle ich Dir vielleicht später einmal.“ Der Sohn legte sich so für ca. 13 Jahre jede Nacht neben seinen Vater ins Bett, um ihn zu beruhigen, wenn die Albträume - wie jede Nacht – wieder da waren.

 

Es ist dann schon sehr bewegend, wenn aus diesem Jungen als erwachsener Mann dann ein Botschafter der Erinnerung, aber auch der Hoffnung auf Aussöhnung ist. Siegfried Franz machte sehr deutlich, für wie wichtig er die Ausstellung hält, in der eben auch Bilder seiner Familie weiterleben: „Ich habe die Hoffnung für die Kinder heute, Mensch sein zu dürfen.“ Kann man nach soviel tiefen Emotionen dann von Musik erreicht werden, die nur wenig Traurigkeit spüren lässt? Man kann: Die Band „Radio Django“ schaffte das mit Leichtigkeit, indem sie die Lebensfreude des traditionellen Sinti-Jazz aufleben ließen. Das international besetzte Ensemble um Sologitarrist Janko Lauenberger, dessen ebenfalls betroffene Familie  auf Bildern der Ausstellung zum Teil erstmals gezeigt werden konnte, und Violinist Daniel Weltlinger bezauberte vom ersten Moment an und verlieh dem Abend einen sehr angenehmen Abschluss.

Die Geschichte von Janko Lautenberg und seiner Familie ist übrigens eine Geschichte für sich…und die wird in dem Buch „Ede und Unku – die wahre Geschichte“, das im Rahmen der Veranstaltungsreihe zur Ausstellung erstmals der Öffentlichkeit vorgestellt wird, besonders gewürdigt.

Gedenken an Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2018

Nur zwei Tage später fand an gleicher Stelle das Gedenken zum 73. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz statt. Fast 100 Menschen sind dazu in die Dessauer Marienkirche gekommen. Neben vielen Interessierten nahmen auch Vertreterinnen und Vertreter der Stadtverwaltung, des Stadtrates, des Landtages und einiger Parteien daran Teil. Einige wenige Zeitzeugen saßen ebenfalls auf den Stühlen im Zuschauerbereich – weit über 80 sind sie mittlerweile. Sie sind die Wenigen, die uns von dem Leid berichten können, dass die Nationalsozialisten ihnen, ihren Familien, Freunden und Bekannten angetan haben. Wie lange werden sie das noch können? „Es ist gut, dass diese Menschen noch unter uns sind, die sehr authentisch diese Schicksale beschreiben können.“, sagte Oberbürgermeister Peter Kuras in seiner Gedenkrede und erzählte von einer Begegnung mit einem Mann, der keine eindeutig rechte Gesinnung hatte, ihn aber im Bezug auf die Unterstützung der Jüdischen Gemeinde in Dessau, durch die Stadt, für den Neubau ihres Gebetshauses, fragte, warum wir uns angesichts so vieler aktueller Katastrophen noch immer so sehr mit den Verbrechen beschäftigen, die schon so lange her sind und ob dies nicht endlich mal ein Ende haben müsse. „Auch 80 Jahre später, habe es noch immer keine Sühne gegeben und gerade gegenüber der Jüdischen Gemeinde, auch noch keine Wiedergutmachung. Es geht um Verbrechen unmenschlichen Ausmaßes, verübt von Menschen an Menschen.“ war die Antwort von Oberbürgermeister Kuras auf diese Frage.

Jana Müller vom Alternativen Jugendzentrum berichtet in ihrem Projekt, gemeinsam mit Schülerinnen und Schülern der Ganztagsschule Zoberberg, von Menschen die hier in unserer Stadt lebten und Opfer dieser schrecklichen Verbrechen wurden. Mit alten Fotografien beschrieben die Schüler gruppenweise wie und wo Sinti und Roma einst in Dessau lebten –  erzählten von ihrer Deportation durch die Nationalsozialisten und welches Schicksal sie ereilte.

„Von der Mehrheitsbevölkerung abwertend als „Zigeuner“ bezeichnet, wurde Sinti und Roma nicht nur der Zugang zu Handwerkerzünften verwehrt, sondern häufig auch der Aufenthalt in Städten und Dörfern.“, erzählt Jana Müller in ihrer Einführung. Korbflechterei, Scherenschleiferei, der Handel mit Kurzwaren und das Schaustellergewerbe gehörten zu den Wandergewerben der Sinti und Roma, die als „Fahrendes Volk“ an vielen Dorf- und Stadträndern ihre Lager aufstellten. Viele von ihnen waren auch talentierte Musiker, die auch mit Instrumenten handelten oder diese reparierten. Nach Anhalt führte sie aber auch der Handel mit Pferden. In Zerbst fanden regelmäßig Pferdemärkte statt. „Mit der Ausweisung aller so genannten „Zigeuner“ im Jahr 1938, verschwanden Sinti und Roma aus Dessau, Roßlau und ganz Anhalt.“

Stellvertretend für bis zu einer halbe Million Sinti und Roma aus ganz Europa, die dem nationalsozialistischen Völkermord zum Opfer fielen, erinnerten die Schülerinnen und Schüler der 9. Klasse nun an die Frauen, Männer und Kinder, die einst in Dessau-Roßlau lebten.

Es sind Geschichten von einst lebenslustigen Menschen die Träume hatten, von Kindern und Jugendlichen, die erst am Anfang ihres Lebens standen. Den Schülerinnen und Schülern gelang es, uns diese Menschen vorzustellen, als Menschen deren Enkel wir gerne kennengelernt und als Freunde gewonnen hätten.

 


Kontakt

AJZ e.V. Dessau
Jana Müller
Tel.: 0340-52095521
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Förderung

Ausstellung des AJZ und der Universität Liverpool

Gefördert von Auswärtiges Amt, Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt, RomaRespekt

Veranstaltungsreihe der Stadt Dessau-Roßlau und des AJZ

Gefördert von Partnerschaft für Demokratie Dessau-Roßlau im Rahmen des Bundesprogramms Demokratie leben!, Heinrich-Böll-Stiftung Sachsen-Anhalt

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